Zur Vorbereitung

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Herr Jesus Christus, du hast für uns das Geschick des Weizenkorns auf dich genommen, das in die Erde fällt und stirbt, um so reiche Frucht zu tragen (Joh 12, 24). Du lädst uns ein, dir nachzufolgen auf diesem Weg, wenn du uns sagst: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (12, 25). 

Wir aber hängen an unserem Leben. Wir wollen es nicht weggeben, sondern ganz für uns selber haben. Wir wollen es besitzen, nicht hingeben. Du aber gehst uns voraus und zeigst uns, daß wir das Leben nur gewinnen, indem wir es geben. Im Mitgehen auf deinem Kreuzweg willst du uns auf den Weg des Weizenkorns mitnehmen, der der Weg zur Fruchtbarkeit ist, die in die Ewigkeit hineinreicht. 

Das Kreuz – das Geben unserer Selbst – lastet schwer auf uns. Aber du hast auf deinem Kreuzweg auch mein Kreuz getragen – nein, du hast es nicht irgendwann in der Vergangenheit getragen, denn deine Liebe ist meinem Leben gleichzeitig. Du trägst es heute mit mir und für mich, und wunderbarer Weise willst du, daß nun ich wie einst Simon von Zyrene auch meinerseits dein Kreuz mittrage und im Mitgehen mit dir in den Dienst der Erlösung der Welt trete. 

Hilf mir, daß mein Kreuzweg nicht bloß das fromme Gefühl eines Augenblicks sei. Hilf uns, nicht nur mit hohen Gedanken mit dir mitzugehen, sondern uns mit dem Herzen, ja mit den ganz praktischen Schritten unseres Alltags deinen Weg zu gehen. Hilf, daß wir im Kreuzweg uns mit unserem ganzen Sein auf den Weg machen und so immerfort auf deinem Weg bleiben. Nimm uns die Furcht vor dem Kreuz, die Furcht vor dem Spott der anderen, die Furcht, wir könnten das eigene Leben verpassen, wenn wir nicht alles an uns reißen, was Leben verspricht. Hilf uns, die Verführungen zu durchschauen, die uns Leben verheißen, deren Geschenke uns am Ende aber nur leer und enttäuscht zurücklassen. 

Hilf uns, Leben nicht zu nehmen, sondern zu geben. Hilf uns, im Mitgehen auf dem Weg des Weizenkorns, im „Verlieren des Lebens“ den Weg der Liebe zu finden – den Weg, der uns wahrhaft Leben, Leben in Fülle schenkt (Joh 10, 10). 

Joseph Kardinal Ratzinger - Benedikt XVI.
Vorbereitungsgebet zum Kreuzweg im Kolosseum
25. März 2005

1. Jesus wird zum Tod verurteilt

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Jeder hat ja so seine Erwartungen.

Als Jesus in Jerusalem einzog, war der Jubel groß. Offenbar wurden viele Erwartungen an diesen Rabbi geknüpft, diesen Wanderprediger aus Galiläa, von dem man sich viel zu erzählen wußte. Heilt Kranke. Treibt Dämonen aus. Stillt Stürme. Handelt machtvoll. Kann die Römer vertreiben. Und Israel zu alter Größe führen. Hosianna dem Sohn Davids! Der Befreier. Doch Jesus enttäuschte die Erwartungen. Sein Reich sei nicht von dieser Welt, wird er bald Pilatus erwidern.

Wenige Tage später ... Stimmungsumschwung: Auf so einen König können wir verzichten. Dann lieber Barrabas, den Berufsrevoluzzer. Da weiß man, wen man vor sich hat. Dieser andere Hochstapler hält uns sowieso nur zum Narren. Sohn Davids? Wir haben uns zum Affen gemacht, Kleider ausgebreitet, Palmwedel geschwungen, für was? Kreuzige ihn! 

Jesus steht vor Pilatus. Jesus weiß, was kommen wird. Der Kelch geht nicht an ihm vorrüber. Die Menge brüllt, der Richter ist wankelmütig, die Priesterschaft setzt dem Römer zu. Jesus weiß, was kommen wird. Verraten ist er bereits. Verleugnet und verleumdet. Die römischen Soldaten machen sich ihren blutigen Spaß aus dem "Judenkönig". Die Hiebe sind erst der Vorgeschmack auf die Nägel. Die Geißel kratzt auf der Haut, die Nägel aber werden durch das Fleisch getrieben. Jesus weiß, was kommen wird. Der stechende Weg. Das Kreuz. Seine menschliche Natur ist keines Leidens enthoben, empfindet Beklemmung vor diesem Tod. Wie fühlt man sich da?

Erlöst und getauft hin oder her - mit der Wunde des Bösen stehen wir noch immer mit einem Bein in der Menge. Kreuzige ihn! Jede Sünde, der wir erliegen, so oft und Tag um Tag, ist eine Entscheidung gegen das Angebot des Herrn. Zeugt davon, daß wir etwas anderes erwarten, daß uns etwas anderes lieber wäre, als Jesus uns anbietet. Wir würden natürlich nie in den Ruf "Kreuzige ihn" einstimmen, aber faktisch bringen wir den Kelch zum Überlaufen - jenen Kelch, den hinwegzunehmen Jesus seinen Vater bat. Wie müßig, wie überflüßig ist daher die Frage, wer Schuld trägt am Tod Jesu, die Juden oder die Römer? "Ach, meine Sünden haben Dich geschlagen ..."

Jeder hat ja so seine Erwartungen. Die Stunde eines Prozesses ist immer auch eine Stunde der Rechenschaft. Jeder macht sich sein Bild von der Lage, auch der Angeklagte. Wäre Jesus nur Mensch wie wir, in allem uns gleich ohne Ausnahme, so wollte ich nicht wissen, was er sich von den Menschen in diesem Augenblick noch erwartet  ... von uns ... von mir ... von dir.

Herr Jesus Christus -

angeklagt stehst Du vor dem Richter.
Schuldlos nimmst Du 
ein grausames Urteil auf Dich
um meinetwegen,
um meiner Erlösung willen und
für das Heil dieser Welt.
Du gehst einen harten Weg,
den Weg des Kreuzes.
Er ist Realität, schmerzverzerrt.
Du erträgst das - aus unermeßlicher Liebe.
Um dieser Liebe willen
bitte ich dich:
Wenn ich angeklagt vor Dich
als meinen Richter trete
mit meiner Schuld, 
so laß mich trotz allem
in der Erwartung dieser Liebe stehen, 
auch wenn ich
Deine Erwartungen
immer wieder
enttäuscht habe.

Amen.


2. Jesus nimmt das Kreuz auf sich

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.



Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (27, 27-31):

"Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an".

Das Todesurteil ist gesprochen; die Hinrichtung beginnt. Beklommen lesen wir von der Quälerei, die Jesus unter den Händen der römischen Soldateska erleiden muss. Eine ganze Kohorte, fast fünfhundert Mann, versammelt sich um den Gefangenen, um ihr grausames Spiel mit ihm zu treiben. Was hat er ihnen getan? Wer so fragt, vergisst eine der traurigsten Wahrheiten über den Menschen, dessen Grausamkeit kein Motiv braucht, nur eine Gelegenheit.

Wer ist der Gefangene, dem sie nun gleich das Kreuz aufladen werden, in den Augen seiner Quäler? Ein Wanderprediger, der beansprucht, König der Juden zu sein, göttlicher Herkunft gar? Ein römischer Legionär meint zu wissen, was ein König ist, und so finden die Soldaten, die an ihren eigenen Kaiser denken, den düsteren Tiberius, unseren stillen und milden Herrn absurd. Jesus zeigt sich den Soldaten in der Ohnmacht der Liebe, und sie verkennen den Gottessohn, der vor ihnen steht. 

"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", hat Jesus gepredigt, und der staatlichen Macht mit dem Nachsatz "und Gott, was Gottes ist", eine unüberschreitbare Grenze gesetzt. Die aber, die Jesus misshandelten, anerkannten keine Grenze mehr, und ihre Macht wurde nackte Gewalt.

Jesus nimmt das schwere Kreuz auf seine Schultern, unter dessen Last er zusammenzubrechen droht. Der Sündlose nimmt die Sünden der Menschheit auf sich, auch die der ihn verhöhnenden Römer. Wie die machttrunkene Soldateska haben auch wir, habe auch ich den Gottessohn verkannt und verhöhnt. Wir möchten dem unter dem Gewicht des Kreuzes Schwankenden beistehen, aber zunächst müssen wir bekennen: Er schwankt unter der Last unserer Sünden, meiner Sünden. 

Herr -

Du hast unsere Sündenlast auf dich genommen und das Kreuz getragen, das für uns bestimmt war. Hilf uns, den Weg der Sünde zu verlassen und dir nachzufolgen. 



(Beitrag von Morgenländer)

3. Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Die letzten Stunden des Jesus von Nazaret, beginnend mit dem Urteilsspruch des Pontius Pilatus, über das Tragen des Kreuzes bis zur Hinrichtungsstätte bis hin zum Tod am Kreuz lassen wohl niemanden kalt. Eine von den Geschichten, die man nicht vergißt. Das Christentum selbst gedenkt dieser Vorkommnisse mit dem sogenannten Kreuzweg, auf dem bis zu vierzehn Stationen dargestellt werden.

Was für Jesus selbst ein unglaubliches Martyrium bedeutete, ist für die Christenheit zunächst ein Zeichen der Schande, welches später aber ein starkes Symbol werden sollte für die Erlösung, selbst nach einem leidvollen Leben. Das geht sogar soweit, dass das Folterinstrument des Kreuzes zum positiven Erkennungsmerkmal der Christen geworden ist.
Ein recht sadistisches Detail bei Kreuzigungen durch die Römern war, dass der Verurteilte den Querbalken selbst zur Hinrichtungsstätte schleppen musste, meist schon geschwächt durch verherige Geißelung.

Laut christlicher Überliegerung musste Jesus nicht nur den Querbalken tragen, sondern gleich das ganze Kreuz. Es ist also kein Wunder, dass der so Geschundene den Weg von Pilatus Haus bis nach Golgatha nicht ohne Stürze zurücklegen konnte. Am Ende wird er dreimal gefallen sein.

Der erste Fall ist auch gleichzeitig die dritte Station des Weg des Kreuzes. 
Auch eine Allegorie auf eine Lebenssituation, die so mancher aus seinem Leben kennt. Fast erdrückt von einer schweren Last kommt man ins Straucheln und obwohl man umringt von anderen ist fühlt man sich allein. Es ist einem bewußt, dass es trotz allem weitergeht und manchmal hat man sogar noch den römischen Soldaten mit der Peitsche im Nacken, der einen weiter treibt. 

Jeder trägt nunmal sein eigenes Kreuz und ich wünsche allen, dass er oder sie einige ehrliche Freunde im Leben findet, die einem helfen schwere Situationen einfacher zu meistern, in denen man strauchelt oder sogar hinfällt und man wieder aufstehen kann, ohne dass man seine Prinzipien verraten musste.        
    
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Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?
Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. (Joh 18,28-19,6)




4. Jesus begegnet seiner betrübten Mutter

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Als Jesus Maria zum ersten Mal begegnete, war es ihr Glaube, der diese Begegnung möglich machte, ich meine die Empfängnis Christi.
Genauso ist die Begleitung Marias am Ende Seines Lebens nur aus ihrem Glauben heraus möglich. Denn ohne ihr Vertrauen auf die Größe Gottes und ihr Festhalten an den Verheissungen, ohne die Hoffnung auf die Auferstehung, die Jesus bestimmt nicht nur seinen Jüngern angekündigt hatte, wäre sie bestimmt von Ängsten gelähmt oder von Gedanken der Sinnlosigkeit überwältigt worden.
So ging es wahrscheinlich dem Rest der Jünger, außer Johannes.
Ich denke, dass dieser "Lieblingsjünger" Jesu einen anderen Bezug, also nicht denselben Glauben hat wie Maria, dafür aber ihre Liebe zu Jesus teilt.
Diese grenzüberschreitene, sich völlig selbstaufgebende, mitleidende (Mutter-) Liebe ist es, die fähig macht alles zu ertragen, dem Wahnsinn und den Brutalitäten ins Auge schauen zu können, die eigenen Ohnmachtsgefühlen, Traumata überwinden zu können, um Jesus auf dem Weg zum Kreuz zu begleiten, zu stärken, Halt und Kraft zu geben, damit Er wieder aufstehen, weitergehen, durchhalten und seinen Lauf zu vollenden kann.
So wie Gottes Liebe auch Maria und uns auf unserem Weg und in unserem Leiden Halt und Kraft gibt, uns wieder aufrichtet und neu belebt.

Herr -

wir bitten Dich im Namen Jesu:
bitte stärke und schütze unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsere Liebe zu Dir.
Nimm uns die Angst vor 
unserem Kreuz, dem Leid, den Verletzungen durch unseren Nächsten.
Hilf uns andere zu begleiten
aber auch dabei Hilfe von Freunden, der Familie anzunehmen, wenn wir in Not sind. 
Lass uns und alle im Leiden
Deine Liebe und Deine Nähe wahrnehmen statt nur unser Elend. Stehe jedem bei,
der gerade jetzt 
unter Unterdrückung und Ungerechtigkeiten leidet oder wegen seiner Liebe zu Dir verfolgt wird. 
Sei ihnen gnädig 
und nimm sie auf in Dein Reich. Danke.
Amen



(Link zum Verfasser)

5. Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Jeder kennt wahrscheinlich die Geschichte von dem Mann, der im Traum am Meer entlanggeht. Ihm erscheinen Bilder seines Lebens, in denen er immer zwei Fußspuren sieht: Die Eigenen und die seines Herrn. Doch genau in den schwersten Zeiten des Lebens ist immer nur eine Fußspur zu sehen. Der Mann stellt seinen Herrn zur Rede, da dieser einst versprach, auf allen Wegen bei ihm zu sein und es nun augenscheinlich auf den Beschwerlichen nicht war. Die simple Antwort des Herrn lautet: "In diesen Zeiten habe ich dich getragen!"

Stellen wir uns doch einmal vor, daß Jesus – geschwächt, durstig, voller Schmerzen – sich auf dem Weg nach Golgotha umdreht und plötzlich nicht nur seine eigenen Fußspuren sieht, sondern auch noch die eines anderen Menschen. Stellen wir uns vor, daß er aufblickt und einen Mann sieht und ihn fragt: "Was war denn da?" Der Mann antwortet – vielleicht ein wenig verlegen, vielleicht ein wenig mitleidig, vielleicht auch ein klitzekleines bißchen stolz: "Och ... Da habe ich dir ein wenig geholfen, das Kreuz zu tragen ..."

"Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig". So lesen wir es im Heiligen Evangelium nach Matthäus (10,38)

Was aber ist unser Kreuz? Unser Kreuz – so schreibt es der Heilige Hilarius – ist das Kreuz des Herrn. Denn in diesem Kreuz leiden und sterben wir mit, werden wir mitbegraben und erstehen wir mit Christus wieder auf: "Und wer nicht dem Herrn nachgefolgt ist, indem er sein Kreuz, in dem wir mitleiden, mitsterben, mitbegraben werden, mitauferstehen, annimmt, um durch dieses Sakrament des Glaubens in der neuen Wirklichkeit des Geistes zu leben, der ist Christi nicht würdig".

Was aber ist das Kreuz des Herrn? Das Kreuz des Herrn ist mild und leicht, wie er es selbst verspricht: "Denn mein Joch ist mild und meine Last ist leicht". Dies sagt er übrigens schon ein Kapitel, nachdem er zum Tragen des Kreuzes aufgefordert hat (Mt 11,30).

In diesen zwei Kapiteln steht vieles von dem, was wir über unser Kreuz und Christi Kreuz und die Beziehung zwischen den beiden wissen müssen: Ja, wir sind aufgefordert, das Kreuz zu tragen. Wir sind aufgefordert, Sein Kreuz zu tragen. Wir sind aufgefordert, wie Simon von Cyrene, wenigstens einige Schritte mit Ihm zu machen und an Seinem Kreuz mitzuschleppen. Und dies ist keine Aufgabe, die uns überfordert. Warum? Weil im Kreuz das Heil ist. Und weil die Last leicht ist. Warum ist sie leicht? Weil in dem Moment, wo wir uns der Härte des Lebens und den schwierigen Zeiten ergeben und das Kreuz annehmen, Christus uns schon längst – wie den Mann am Strand – auf seinen Händen trägt, mit der Liebe zu seinen Geschöpfen, mit der Hoffnung auf das Ewige Leben und mit dem Glauben an die Wahrheit, die er ist.

Simon von Cyrene wurde gezwungen, dem schwachen Jesus das Kreuz tragen zu helfen. Hätte er es auch ohne Zwang getan, nur aus Mitleid? Ich möchte gerne glauben, daß es so ist. Jesus jedenfalls nahm ihn für eine kurze Strecke als Weggefährten an. Und Er möchte auch uns auf diese Art annehmen.

Durch die Jahrhunderte hindurch klingt der Satz beinahe schon nicht mehr wie eine Aufforderung, sondern wie eine Einladung: "Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach". Ganz ohne Zwang. Einfach, weil du es willst, weil du es als richtig erkennst. Weil du tagtäglich die Gelegenheit hast, einem der Geringsten für einige Schritte das Kreuz zu tragen und es somit für Christus trägst. Weil du immer wieder selbst vor deinem eigenen Kreuz stehst und oft genug zweifelst, ob es denn wirklich sinnvoll ist, es aufzunehmen.

Ja, das ist es!

Kann irgendwer sich an die Stelle in der Heiligen Schrift erinnern, in welcher es heißt: Jesus blickte das Kreuz an uns sprach: "Nö! Das sieht schwer aus. Das trage ich nicht ..."?

Eben!

Hätte Jesus das Kreuz nicht auf sich genommen, wären wir heute nicht erlöst. Es ist wohl nicht zuviel verlangt, es dem Herrn nachzutun und zum eigenen Kreuz "Ja" zu sagen, wenn es natürlich auch schwer fällt. Schließlich ist auch der Satz "Hui! Das macht aber Spaß!" von einem sich unter dem Kreuze beugenden Jesus nicht überliefert.

Es geht nicht um Spaß, es geht nicht um Masochismus. Es geht um die Nachfolge.

"Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach".

Mein Jesus -

Gib, daß mein schwaches Fleisch sich meinem willigen Geiste anschließen möge und ich nicht davor zurückschrecken werde, mein Kreuz auf mich zu nehmen und dir nachzufolgen, wenn die Zeit gekommen ist. Gib mir auch offene Augen und einen wachen Geist, daß ich erkenne, wo ich anderen ein Gehilfe und Gefährte sein kann, wenn sie ein Kreuz tragen, das zu schwer scheint. Dein Weg ist der richtige Weg. Deine Fußspuren sind die, denen ich folgen möchte, damit ich einst zu dir gelange in das ewige Leben. Amen


6. Jesus nimmt von Veronika das Schweißtuch

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


"Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht!
Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.
Verbirg nicht dein Gesicht vor mir" (Ps 27,8). 

Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Der Blick auf dieses verklärte Antlitz Christi ist ein Blick auf die Herrlichkeit Gottes – Gott von Gott, Licht vom Licht. Wie anders erscheint dagegen das Antlitz Jesu Christi auf dem Kreuzweg: O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn. O Haupt, zum Spott gebunden, mit einer Dornenkron.

Der Fürst des Friedens, der König, der erst vor einigen Tagen auf einem Esel in Jerusalem eingezogen ist, wird nun die Straßen der Stadt entlang getrieben, hin zur Schädelhöhe. Die Menschen, die ihm zuvor mit Palmzweigen entgegenzogen, verhöhnen ihn nun, speien ihn an.

"Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so daß wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, daß wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht" (Jes. 53, 2-3).

Am Rande dieses Weges hinauf nach Golgota, inmitten dieser Menge, gibt es immer wieder Menschen, die Jesus beistehen: seine Mutter, Simon von Cyrene, Veronika, die Jesus das Schweißtuch reicht, die weinenden Frauen, der reuige Schächer am Kreuz, und vielleicht auch jener Hauptmann, der ausrief: "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen".

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch, in das dieser sein Antlitz drückt – ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Der Blick auf dieses Antlitz Christi vereinigt uns mit seinen Sorgen, seiner Liebe, seiner Einsamkeit und seiner Verlassenheit.

Die heilige Veronika hat von dieser Begegnung mit Christus und dem Abbild seines Antlitzes ihren Namen: Vera (e)ikon – wahres Abbild. In den Augen der Menschen war der Dienst, den sie einem verurteilten Verbrecher geleistet hat, gering, obwohl er schon als solcher Mut erforderte. Selma Lagerlöf hat in ihren Christuslegenden über diese Begebenheit eine wunderschöne Geschichte geschrieben – wie Faustina, die später in der Taufe Veronika genannt wird, dem von Lepra und ausschweifender Lebensart zerstörten Kaiser Tiberius das Tuch bringt, in das der Erlöser sein Antlitz gedrückt hatte. "Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere und Ungeheuer, aber du bist der Mensch!" ruft Tiberius beim Anblick dieses Gesichtes aus und ist im selben Moment geheilt.

Eine unbekannte Frau aus der Menge reicht Jesus ihr Tuch, mit dem er Blut, Schweiß und Tränen abtupft und in all seiner Qual ein wenig Linderung erfährt. Dieses schlichte Zeichen des Beistands rührt uns an – durch alle Zeiten hindurch. Wie gern hätte Veronika vielleicht mehr getan, um seine Not zu lindern, und doch war es genug, genug für beide. Veronika hat von dieser Begegnung nicht nur das Abbild des Antlitzes des Erlösers auf ihrem Schweißtuch zurückbehalten, sondern auch auf ihrem Herzen. Die Begegnung mit dem Erlöser hatte die Kraft, ihr Leben auf immer zu verändern. Das Königreich, in dem dieser König herrscht, ist nicht durch Gewalt zu gewinnen, sondern durch das Erbarmen.

Blickt auf zu ihm, so wird euer Gesicht leuchten und ihr braucht nicht zu erröten, heißt es im 34. Psalm. "Von deinem lieben Sohne kommt all das Leuchten dein", singen wir in einem Marienlied. – Das Licht, der göttliche Glanz, der vom Antlitz Christi ausgeht, fällt auch auf unser Gesicht, erleuchtet uns und verleiht uns etwas von seiner Schönheit und wahrer Menschlichkeit. Das Antlitz Christi prägt sich noch immer in das Tuch ein, das wir selbst denen entgegenhalten können, die leiden, arm, hungrig oder durstig an Seele oder Leib sind, die nackt sind, Fremde, oder im Gefängnis sitzen: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Herr Jesus Christus -

dein Antlitz will ich suchen, wenn ich dir folge auf deinem Weg. 
Ich bitte dich: erleuchte mich mit dem göttlichen Glanz deines Angesichts. 
Bilde mein Angesicht nach deinem, mein Herz nach deinem Herzen. 
Präge das Abbild deines Antlitzes meinem Herzen und meiner Seele ein, 
bis ich dereinst kommen darf, die Herrlichkeit deines göttlichen Angesichts zu schauen. 




7. Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Gefallen. Und wieder gefallen. Gefallen unter die Räuber und Soldaten. Da ist kein Samariter, der dich aufnimmt - die Erde selber, das Werk deiner Hände nimmt dich auf. Die Erde erbebt und verstummt, denn Gott selber liegt im Staub. Dein Leib klebt am Boden und die Kraft hat dich verlassen. Kalt und gefühllos reißen sie dich empor - aber nicht die Gewalt der Soldaten und Antreiber ist es, nein - es ist der liebende und leidende Blick des Vaters und die Liebe zu mir, die dich den schmalen und steilen Weg hinaufziehen.  Dieser Liebe, ja - zu mir, der ich so oft entmutigt liegen bleibe oder, noch schlimmer, achtlos an Dir vorübereile, wenn du hilflos auf  dem Weg liegst.

- Zieh mich hinter Dir her.
- Deinen Spuren lass mich folgen.

Herr -

wenn ich, auf mich zurückgeworfen, versucht bin, mehr der Tatsache meiner Einsamkeit zu trauen als deiner machtvollen Liebe, dann lenke meinen Blick auf Dich, der Du wieder und wieder aufstehst, um dem Triumph des Guten, dem Sieg der Liebe den Weg zu bahnen. Du Weg zum Leben, erbarme dich über mich und über alle, die unbeachtet liegen auf den Wegen dieser Welt.



(von Giovanni)

8. Jesus begegnet den weinenden Frauen

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

„Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?” (Lk 23, 27-31)

Ein Mann ist zum Tod verurteilt, zu einem öffentlichen, grausamen Tod. Er wird unter dem Lärm der Menge, unter dem rituellen Weinen einiger Frauen Jerusalems, die sein Schicksal beklagen, zur Hinrichtungsstätte geführt. Der Gang, die Menge, das Klagen ist selbst schon Teil der Hinrichtung, ein Teil des Sterbens. Dem Verurteilte mußte ein anderer, der eben des Wegs kam, das Kreuz abnehmen und ihm nachfolgen. Und gerade dann wendet sich der Mann an die umstehenden weinenden Frauen und sagt: Weint nicht um mich. Weint über Euch und Eure Kinder! 

Dieser Satz trifft ins Innerste, wenn wir den Kreuzweg mitgehen, mitdenken und mitfühlen. Wenn wir uns vom Kreuzweg Christi emotional mitnehmen lassen, so müssen wir nicht traurig sein, weil Jesus für uns den Tod auf sich genommen hat, um uns in der Auferstehung zu befreien. Doch wir sollten um uns trauern, um deretwillen Jesus diesen Gang auf sich genommen hat. In seinem Opfer erkennen wir unsere Schuld, unsere Fehler. Wenn wir mit Christus mitleiden, dann, in dem wir sein Leid um uns, seine Trauer um uns nachvollziehen.

Im Buch Sacharja heißt es in einer endzeitlichen Vision, die schon lange mit der Rede Jesu an die weinenden Frauen in Beziehung gebracht worden ist:

„Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems werde ich den Geist des Mitleids und des Gebets ausgießen. Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um den einzigen Sohn klagt; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint. An jenem Tag wird die Totenklage in Jerusalem so laut sein wie die Klage um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo. (…) An jenem Tag wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünde und Unreinheit. An jenem Tag - Spruch des Herrn der Heere - werde ich die Namen der Götzenbilder im Land ausrotten, so dass man sich nicht mehr an sie erinnert. Auch die Propheten und den Geist der Unreinheit werde ich aus dem Land vertreiben“ (12, 9-10;13,1-2).

Was für ein Versprechen! Jesus, der Quelle der Reinigung, will uns von unserer Verstrickung in die Sünde befreien lassen. Von unserer Ichbezogenheit, unserem Hochmut, unserer Aufgeblasenheit, unserem Neid und was es da noch alles gibt: Die Götzenbilder in uns, die Gottesabgewandtheit, die Sünden werden ausgerottet, so dass man sich nicht mehr an sie erinnert. Doch dazu müssen wir auch bereits sein, uns ganz auf Jesu einzulassen und ihm auf seinem Kreuzweg zu folgen.

Heiliger Herr Jesus -

Du hast in den weinenden Frauen am Kreuzweg auch uns zur Buße aufgefordert. Du rufst uns, aus unserer Bequemlichkeit umzukehren, das Gute vom Bösen zu scheiden, Sünde und Ungerechtigkeit klar zu benennen und sich unserer Verantwortung zu stellen. Wir bitten Dich, allmächtiger Gott: Hilf uns, Deinem Ruf zu folgen, und lasse uns aus Deiner Gnade reiche Frucht bringen. Amen.




9. Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Jesus geht seinen Weg, an all den Menschen vorbei die am Wegrand stehen. 
Menschen die sehen wollen was da los ist. Menschen die ihm begegnet sind, Menschen die gesehen haben was er wirkte, Menschen die ihn verachten, bespucken, beschimpfen. 

Menschen die ihm begegnet sind und sich dann lieber doch wieder abwenden. 
Man könnte ja Ärger bekommen, 
schief angesehen werden. 
Es ist gefährlich sich für Ihn zu entscheiden. 
Es ist anstrengend und fordert den ganzen Menschen.
Da will man dann in dieser Stunde lieber nicht zugehören. 

Gegen den Strom zu schwimmen ist nicht angesagt.
Immer im Gleichklang mit den anderen ist leichter und unauffällig.  
Das machen doch alle so. 

Jesus, 
ja, er lebte riskant und er wusste, dass man einen Grund sucht um ihn zu verurteilen.
Jesus hat es sich selbst zuzuschreiben. 
Er wusste dass es gefährlich ist. 

Die Menschen schauen zu und sie schauen gleichzeitig weg. 
Sie bäumen sich nicht auf gegen das Unrecht. 
Man will nichts riskieren. 

Und Jesus?
Jesus riskiert alles. 
Sein Leben gibt er hin für uns. 

In den Augen der aufgebrachten Meute am Wegesrand ist er 
ein  Narr, 
ein Verrückter
lebensfremd.

Jesus geht seinen Weg beharrlich, unter Schmerzen. Er trägt das Kreuz für all unsere Sünden. Er bleibt auf seinem Weg und vertraut auf seinen Vater. 

Geschunden, mit Wunden übersäht und kraftlos. 
Er steht unter all diesem Leid wieder auf, um das zu Ende zu bringen was Gott mit ihm begonnen hat. 
Im Vertrauen auf Gott rafft er all seine Kraft zusammen und geht weiter, für uns. 
Für unsere Sünden nimmt er all das auf sich. 

Er hat ein Ziel und er vertraut auf seinen Vater,  auch wenn er nun durch all das Leid geht.
Er (-trägt) alles. Alleine. Er sagt nichts und geht seinen Weg mit Gott. 

Herr Jesus Christus -

wie oft stehen wir da und glauben dass wir am Ende sind, kraftlos und oft wankelmütig im Glauben. 
Lass uns nicht vorbeigehen an Deinem Leid. 
Gib uns die Kraft nicht wegzusehen, bei aller Ohnmacht die wir spüren.
Hilf, dass unser Vertrauen auf Gott allgegenwärtig ist und uns stark macht aufzustehen, wo Unrecht sich breit macht, auch wenn wir zunächst alleine dastehen. 

Lenke unseren Blick auf Dich, damit wir Deine Gebote halten und erkennen, dass Du unser Heil bist und all das Leid für uns ertragen hast. 
Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. 
Amen. 


(von Heidrun Weitermann)

10. Jesus wird seiner Kleider beraubt

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Jesus ist auf dem Berg seiner Hinrichtung angekommen. Dort reißt man ihm die Kleider vom Leib und gibt seinen Leib den Blicken der Menge frei.

Dem Herrn bleibt nichts erspart. Freiwillig geht er nicht nur durch den menschlichen Tod. Er wählt den Weg der Erniedrigung, der Schmerzen und der Demütigung. Hier nun wird die letzte Schamgrenze gebrochen und er, der Menschensohn, wird unter den Augen seiner Mutter nackt zur Schau gestellt.

Aber nicht nur das. Das Entreißen der Kleider legt auch frei. Es macht offenbar, was man dem Herrn bereits angetan hat. Die Wunden der Geißelung werden offenbar, die Striemen der Schläge, das Blut an seinem Körper, die Verletzungen, der Speichel, all das wird jetzt hier öffentlich.

Hier nun endgültig, wird das Geschehen des Kreuzes zur Mahnung, zum Mahnmal an die Welt. Hier nun kann jeder sehen, wozu die menschliche Grausamkeit fähig ist. Hier wird offenbar, was die heiligste Gottheit bereit ist, zur Heilung der Welt durchzustehen. Hier wird nichts mehr zurück gehalten, nichts mehr verborgen, nichts mehr geheim gehandelt. Hier wird offen ausgetragen, gezeigt, zur Schau gestellt, was geschieht und worum es geht.

Christus ist der Priester und das Lamm. Jetzt zeigt sich, dass sein Leib auch zum Altar geworden ist. An seinem Körper wurde die Erlösung ausgetragen. An seinem Leib hielt er die Erlösung aus.

Herr Jesus Christus -
Du hast, um uns zu erlösen, den schweren Weg des Kreuzes und der Erniedrigung gewählt. Bis zur letzten Konsequenz hast Du Dich hingegeben. Sogar dem Spott und dem Hohn derer, die Dich nackt gesehen haben, hast Du Dich hingehalten. Kein Wort der Welt kann den Dank und das Lob zum Ausdruck bringen, den Deine Erlösungstat verdient hat.

Wir bitten Dich, gestalte unser Herz nach Deinem Herzen, dass wir aus dem Glauben und Wissen unserer Erlösung leben, sie künden und so an Deinem Werk der Erlösung mitarbeiten können. 



11. Jesus wird an das Kreuz genagelt

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.




Festgenagelt auf etwas
Angeheftet an´s Holz
Durchbohrt Hände und Füße

Die Völker des Alten Orients ließen Ihre schweren Verbrecher und die Feinde ihres Volkes und ihrer Weltordnung an Pfählen sterben. Die reine Erde sollte nicht vom unreinen Leib des Frevlers berührt werden.. – Für uns Unreine ist der eine Reine zur Reinigung geworden

Den Juden ist das Wort vom Kreuz ein Skandal. Verflucht ist wer am Pfahle hängt. Das Kreuz ist Anstoß und Stolperstein.  -  Uns hat das skandalträchtige Handeln Gottes am Kreuzesholz Heil gebracht.

Den Griechen ist das Kreuz eine intellektuelle Dummheit und ein kindlicher Aberglaube. – Wir preisen die Heilige Weisheit des Vaters, der für uns und um unseres Heiles willen das Triumphzeichen des Kreuzes errichtet hat

Der Welt scheint das Kreuz häßlich, bar jeder Schönheit, ein grausam schmieriges Folterwerkzeug, das in einer Ecke der Weltgeschichte verrottet. - Wir preisen das süße Holz, an dem ein süßer Nagel eine süße Last getragen hat. Du glückliches Kreuz; unter allen anderen Bäumen, gibt es keinen der mehr zu loben ist.

Allmächtiger ewiger Gott -

Laß die Dummheit der Welt für uns zur Weisheit werden.

Laß den Skandal Christ für uns zur Ruhe werden, wenn wir auf den, der durchbohrt wurde, schauen.

Laß die strenge Schönheit der Erlösung aufscheinen.

Amen




12. Jesus stirbt am Kreuz

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.



Betrachtung – erster Teil

1. Jesus stirbt. Er schreit: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Dann: "Es ist vollbracht". Verlassenheit und Vollendung berühren sich, Leid und Heil, Tod und Leben. In diesem Moment, als der Herr seinen Geist aufgibt, beginnt das Programm, das später als Christentum bekannt werden sollte: der Vorhang des Tempels zerreißt, der Hauptmann bekennt sich. Juden und Heiden sind betroffen, sakrale und säkulare Systeme. Nichts hält stand, als Gott den Neuen Bund besiegelt.

2. Verlassenheit und Vollendung – beides fällt im Tod zusammen: Das Verlassen dieser Welt und die Vollendung in Gott. Jesus Christus vollendet mit seinem Tod am Kreuz nicht nur sich, er vollbringt mehr: er vollendet die Welt, die er verlässt. Dies geschieht, indem sich Gott selbst in Christus verlässt, um aus Liebe menschliches Leid bis zur Konsequenz des Todes nachzufühlen, um uns in Sterben und Tod ganz nah zu sein. Und auch in den tiefsten Abgründen des Lebens.

3. Gott ist in Jesus Christus bei uns, wenn wir leiden, wenn wir sterben. Das ist gewiss. So gibt es kein sinnloses Leid und keinen sinnlosen Tod, weil alles im Kreuz aufgehoben ist, im Leid der Gottverlassenheit, das größer ist als jedes andere Leid, und in der Vollendung des Lebens, die bedeutender ist als jede andere Vollendung, weil sie vollbringt, dass der Tod zum Tor wird – aufgestoßen zu neuem, ewigem Leben.

Betrachtung – zweiter Teil

Gott wurde in Christus Jesus Mensch und trägt die unausweichlichen Konsequenzen, bis zum Schluss, bis zu Sterben und Tod. Diese Folge des Menschseins wird heute oft verdrängt. Das Sterben ist aber ein zum Leben gehörender Prozess, den es zu begleiten, dessen Verlauf und Dauer es aber nicht zu gestalten gilt. Das Sterben wird im Christentum als Teil des irdischen Lebens ernstgenommen. Der Sterbende erfährt in besonderen Sakramenten der Kirche, dass er von seiner Glaubensgemeinschaft angenommen ist und bleibt, über den Tod hinaus. Der Sterbende darf aus dem Hier und Jetzt scheiden – im Vertrauen darauf, von Gott in Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen zu werden. Der Tod liegt auf der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, also dort, wo die Gott-Mensch-Beziehung, die "religio", in beide Richtungen offen ist und sich damit die Hoffnung auf Leben verdichtet, die Hoffnung auf neues, ewiges Leben.


Allmächtiger Gott -

Du hast in Christus Jesus unser Leid geteilt: Verlassenheit, Schmerz, Tod.
Wir danken Dir, dass Du uns nahe bist,
ganz besonders dann,
wenn wir leiden.

Sei Du durch unseren Herrn Jesus Christus denen nahe,
die sich verlassen fühlen,
weil sie krank sind,
weil sie im Sterben liegen,
weil sie um ihres Glaubens Willen verfolgt werden.

Stärke all diejenigen, die sich um sie kümmern.
Und lass auch uns das Leid im Nächsten erkennen,
bevor es in Verzweiflung erstarrt.

Guter Gott,
wir dürfen Dir vertrauen, weil Du uns kennst,
unsere Verlassenheit,
unseren Schmerz,
unsere Angst.

Lass uns Deine Liebe erkennen,
auch wenn sie sich im Leid verbirgt.
Lass uns spüren,
dass wir in Dir geborgen sind.
Egal, was ist.

Allmächtiger, guter Gott,
segne und behüte uns,
durch Christus Jesus, unseren Herrn.

Amen.




13. Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner heiligen Mutter gelegt

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Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi -
quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


"Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht,
ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz" (Klgl 1,12).

Die Mutter Jesu ist ihrem Sohn bis unter das Kreuz gefolgt.
Sie ist den Weg des Leidens bis zum Ende mitgegangen.
Das Sterben ihres Sohnes hat sie mit ansehen müssen.
Jetzt nimmt man den Leichnam ihres toten Sohnes vom Kreuz
und legt ihn in ihren Schoß,
damit sie Abschied nehmen kann.
Das Leiden ist vorbei.
Die Erlösungstat ist vollbracht.
Es ist die Stunde der Trauer um den geliebten Sohn.

Vom Kreuz herab hat Jesus seiner Mutter Johannes als Sohn anvertraut. So 
gab er sie auch uns zur Mutter. Jetzt zeigt uns Maria, was es bedeutet 
auch in letzter Konsequenz an der Seite des geliebten Menschen zu 
stehen. Die Treue zu ihrem Sohn geht auch über den schändlichen Tod 
hinaus. Zärtlich birgt sie ihn noch einmal in ihrem Schoß. Dorthin, wo 
das irdische Leben des Sohnes begonnen hat, kehrt er nun für einen 
kurzen Moment zurück.

Wie viele Mütter und Väter trauern um ihre Kinder? Kinder, die durch 
Krankheit, Krieg, Terror oder Verbrechen sterben müssen. Mütter, die 
vielleicht nicht die Möglichkeit haben, sich trauernd von ihrem toten 
Kind zu verabschieden. Mütter, die vielleicht nicht einmal den Ort 
kennen, wo ihr Kind hat sterben müssen. Mütter und Väter, die nach der 
Zeit schwerer Krankheit einen kleinen Menschen zu Grabe tragen müssen.

Maria steht an der Seite all der Mütter und Väter, die in stummer Trauer 
Abschied von einem geliebten Kind nehmen müssen.
Wir finden Trost bei der Mutter des Herrn, die uns zeigt:
Schau her, selbst seinen eigenen Sohn hat Gott nicht verschont.
Er hat ihn hingegeben für die Sünden der Welt.
Ich musste ihn loslassen.
Er musste den Weg gehen.
Er wollte dem Willen des Vaters gehorchen.
Ich konnte nur bei ihm sein.

"Wie soll ich dir zureden, was dir gleichsetzen, du Tochter Jerusalem? 
Womit kann ich dich vergleichen, wie dich trösten, Jungfrau, Tochter 
Zion? Dein Zusammenbruch ist groß wie das Meer, wer kann dich heilen? (Klgl 2,13)

So wie Maria bei Jesus unterm Kreuz sein konnte, so steht sie auch uns 
im Leiden, in Kummer und in Nöten bei. Maria geht auch mit uns, wenn wir 
nicht mehr wissen, wie es weiter gehen soll.
Wenn wir unser Kreuz tragen, wenn wir annehmen, was der Vater uns 
aufträgt, dann steht Maria uns mit ihrer Fürbitte zu Seite.
An vielen Wallfahrtsorten finden die Menschen Trost vor dem Bild der 
Schmerzhaften Mutter. Immer wieder machen sie sich auf den Weg, um Maria 
ihre Bitten anzuvertrauen. Um vor der Pieta um Fürsprache zu bitten.

Maria ist nicht von der Seite des Sohnes gewichen.
Maria bleibt in Not und Bedrängnis an der Seite der Menschen, die Jesus 
ihr anvertraut hat.
Wir dürfen mit unseren Bitten zu ihr kommen.

Maria, unsere Mutter – bitte für unsere Verstorbenen
Maria, unsere Mutter – bitte für uns in der Stunde unsere Todes
Maria, unsere Mutter – bitte die trauernden Hinterbliebenen
Maria, unsere Mutter – bitte für alle Eltern, die den Tod eine Kindes 
betrauern

Herr Jesus Christus -

Du bist den Weg des Leidens bis zum Ende gegangen.
Deine Mutter hast Du uns zur Mutter gegeben und
Du hast Ihr die Kraft gegeben unter Deinem Kreuz zu stehen
und Deinen toten Leib auf ihrem Schoß zu bergen.

Wir bitten Dich: Gib uns die Kraft, unser tägliches Kreuz anzunehmen.
Amen.